Seminar "Kritische Gesundheitsgeographien"
Für den Ergänzungsbereich (EGS-SEGY-2, EGS-SEGY-3, EGS-SEOS-2, EGS-SEOS-3) im Lehramt (GY/OS) der alten Ordnungen
Modul "Wirtschaft-Gesellschaft-Raum" (UW-M-GEO-K3) im Master Geographie
Studium Generale
Wintersemester 2024/25
Wer hat Zugang zu medizinischer Versorgung? Welche Körper werden als schützenswert angesehen? Wer richtet menschliche Zellen, Organe, Gewebe zu und auf welche Weise werden sie auf einem Markt als Produkt angeboten? Wie können Menschen gesund bleiben, wenn der Planet „krank“ ist?
Die biopolitische Verwaltung und Steuerung von Körpern stellen eine zentrale gesellschaftliche Aufgabe der Gegenwart dar. Globalisierte Krisen wie die Corona Pandemie sowie durch den Klimawandel erzeugte Gesundheitsrisiken konstituieren neue Geographien des Lebens und fordern somit bestehende Verwaltungslogiken heraus. Zugänge zu Medikamenten und Gesundheitsversorgung sind dabei nicht gerecht verteilt, sondern verlaufen entlang von globalisierten Verteilungsungleichheiten. Sie sind durch die Zuspitzung von Krisen zwar sichtbarer geworden, aber bereits in den Grundannahmen über Körper und deren Funktion für die Gesellschaft in einem ökonomisch ausgerichteten System angelegt. Spätestens seit dem Beginn von Inwertsetzung von Körpern und der Neuverhandlung des Lebens selbst befinden sich ethische, ökonomische und biopolitische Logiken in einem Spannungsverhältnis und ständiger Aushandlung. Diesen vielfältigen Geographien und ihren Ursprüngen werden wir uns im Seminar schrittweise annähern.
Im Seminar werden wir uns Grundbegriffen der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Gesundheit annähern und ihre historische Entstehung im Kontext einer bürgerlichen Gesellschaft nachvollziehen. Im Anschluss daran widmen wir uns neueren Phänomenen der Gesundheitsgeographie und den technologischen Neuerungen, Ökonomien und Politiken zu ergründen, die diese hervorgebracht haben. Dabei werden wir auf theoretische Perspektiven aus der Soziologie, Geographie und der Medizinanthropologie zurückgreifen.
Bauer, S. (2009): Politik mit Kategorien. Zur Produktion von Differenz in Epidemiologie Biomedizin. In: AG gegen Rassismus in den Lebenswissenschaften (Hrsg.), Gemachte Differenz. Kontinuitäten biologischer "Rasse"-Konzepte, Münster: Unrast, 278-301.
Birch, K.; Tyfield, D. (2013): Theorizing the Bioeconomy. In: Science, Technology, & Human Values, 38(3), 299-327.
Cooper, M. (2014): Leben jenseits der Grenzen. Die Erfindung der Bioökonomie. In: Andreas Fol-kers & Thomas Lemke (Hg.), Biopolitik. Ein Reader. Berlin: Suhrkamp, S. 468-524, hier: S. 510-520.
Foucault, M. (2002) [1976]: Leben machen und sterben lassen. Vorlesung vom 17. März 1976. In: Ders., In Verteidigung der Gesellschaft. Vorlesungen am Collège de France 1975/1976, Frank-furt/M: Suhrkamp, hier Ausgabe http://www.momo-berlin.de/Foucault_Vorlesung_17_03_76.html.
Lupton, D. (2009): Medicine as Culture. Illness, Disease and the Body in Western Science. London: Sage.
Waldby, C., Cooper, M. (2015): Biopolitik der Reproduktion. Postfordistische Biotechnologien und die klinische Arbeit von Frauen. In: Kitchen Politics (Hg.): Sie nennen es Leben, wir nennen es Arbeit. Biotechnologie, Reproduktion und Familie im 21. Jahrhundert, Münster: edition assemblage, S. 18-48.