(Hauptseminar) Seminar
Reformationsdialoge
Wintersemester 2022/23
Lehrkraft: Albrecht Dröse
Zeit: Donnerstag (2)
Ort: W48/001
Der Dialog als literarische Gattung siedelt im Grenzbereich von Literatur und Wissensproduktion. Er kann einerseits der Erzeugung von Wahrheit und Wissen dienen, erlaubt andererseits aber auch deren spielerische Infragestellung. Signifikant ist, dass diese Gattung unter bestimmten historischen Bedingungen und Konstellationen eine Konjunktur erfährt. So gehörte der sog. Reformationsdialog zu den zentralen literarischen Formen der sich herausbildenden reformatorischen Öffentlichkeit in den 20er Jahren des 16. Jahrhunderts, auch wenn diese Gattung zumindest aus literaturwissenschaftlicher Sicht bislang weitgehend unausgeleuchtet geblieben ist. Offenbar bot die Dialogform nicht einfach nur Möglichkeiten der Artikulation und Konfrontation unterschiedlicher Positionen, sondern auch der literarischen Inszenierung reformatorischer Kommunikationsprozesse, in der etablierte Hierarchien herausgefordert und darüber Identifikationsmöglichkeiten hergestellt werden. Das besondere Wirkungspotential ergibt sich dabei über ein ein flexibles Zusammenspiel von medialen und literarischen Affordanzen. Das Seminar soll Genese und Hintergründe der Gattung erhellen, ihre Verfahren beschreiben und die Funktionen bzw. Möglichkeiten und Limitationen anhand einiger Beispiele diskutieren, u.a. den anonymen ‚Karsthans‘; Hans Sachs‘ ‚Dialog zwischen Chorherrn und Schuhmacher‘, der anonyme ‚Dyalogus Teutsch zwischen Hans Schöpfer und Peter Schabenhut‘, der ‚Wallfahrt im Grimmetal‘ oder das ‚Gesprech büchlein von eynem Bawern, Belial, Erasmo Roterodam und doctor Johann Fabri“.
Eine Textauswahl wird zu Beginn zur Verfügung gestellt. Die Texte sind größtenteils nicht ins Neuhochdeutsche übersetzt. Kenntnisse historischer Sprachformen und die Bereitschaft, diese zu vertiefen, sind für die Teilnahme unabdingbar.