Grundlagen des Asyl- und Aufenthaltsrechts II RLC Dresden WiSe 23/24
Auf den Wogen einer sich zunehmend beschleunigenden Technisierung nährt der berufsgruppenspezifische Geltungsdrang der Ingenieure bereits im Ersten Weltkrieg technokratische Wirtschafts- und Gesellschaftsauffassungen. Diese stilisieren die gemeinwirtschaftlichen Organisationsformen des „Kriegssozialismus“ zur umfassenden technisch-wissenschaftlichen „Gemeinschaftsarbeit“ zum Wohle des deutschen Volkes. Nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg weist eine „Quasi-Dolchstoßlegende“ dem Militär und dessen fehlerhaften Umgang mit der Technik die Verantwortung für die Niederlage zu. Gleichzeitig weckt die Parole „Die Technik den Technikern“ politische Ambitionen der Ingenieure. Deren Machtbegehren übernimmt die Funktion eines Ventils der unvollendeten Professionalisierungsgeschichte und entlädt sich schließlich in der Technokratiebewegung.
Ausgehend von den USA nimmt die deutsche Technokratiebewegung in den 1920er Jahren an Fahrt auf und präsentiert sich schließlich als Ausweg aus der Weltwirtschaftskrise. Sie markiert den Höhepunkt einer antidemokratischen Bewegung, deren politische Vorstellungswelt durch das Idealbild einer angeblich „unpolitischen“ Gesellschaftsmaschinerie geprägt wird. Im Selbstbild von Techno- und Ingenieurokratie erstrahlt der Ingenieur als der geborene Führer des Volkes in einer nahezu staatssozialistisch anmutenden Wirtschaftsordnung. Folgerichtig erscheint die Machtübergabe an die Nationalsozialisten vielen Technokraten als Schritt auf dem richtigen Weg zur Verwirklichung der eigenen Ansichten: die gemeinschaftsbewussten Teile des Volkes stehen auf gegen die dekadente Gesellschaft der Interessen und Begierden einzelner Stände und Parteien.
Die Übung will die spezifischen soziokulturellen Voraussetzungen herausarbeiten, die die Ingenieure im Deutschland der Zwischenkriegszeit für moderne Ideologien anfällig gemacht haben. Dabei sollen der lange Kampf der deutschen Ingenieure um gesellschaftliche Anerkennung ebenso berücksichtigt werden, wie die aus einer (vermeintlich) rationalen Sichtweise resultierende Ablehnung einer pluralen Gesellschaft und damit der Demokratie.