TU Dresden | Wintersemester 2019 / 2020 Chinas Moderne: Modernisierungsprojekte und ihre Folgen in China im 19ten und 20ten Jahrhundert.

In diesem Seminar werden wir vor allem englischsprachige interdisziplinäre Texte zur Geschichte von Reformen und Modernisierungsbewegungen in China lesen.

Moderne ist eine der zentralen Analysekategorien der Soziologie. Jedoch ist "Moderne" immer auch eine Kategorie, in der historische Akteure gedacht haben - Menschen bezeichneten sich selbst oder andere als "Modern" oder "Rückständig", sie ersehnten oder verachteten das "Moderne", oder sie versuchten, sich selbst oder Anderezu "moderneren" Menschen zu machen. Diese Vorstellungen wirkten sich überall auf der Welt aus in politischen Reformen, Protestbewegungen oder statalichem "social engineering". In gewisser Weise kann die Soziologie also nicht nur Fragen, was Moderne ist, sondern auch, welche Auswirkungen es hatte, dass Menschen daran glaubten, dass es eine "Moderne" gibt.

Dies zeigt sich besonders deutlich, wenn man den Blick auf Regionen außerhalb Europas richtet. Weil der europäische Kolonialismus immer wieder darauf beruhte, europäische Moderne zu verherrlichen und sie zugleich den nicht-europäischen Regionen zu verweigern, zeigt sich der oft kontrafaktische Charakter von Beschreibungen der Moderne hier besonders deutlich: Moderne wurde oft erst von Außen - durch Kolonialmächte - definiert und dann politisch erzwungen.

China stellt hier einen ganz besonders interessanten Fall dar: Es gelang den europäischen Kolonialmächten nie, China vollständig zu kolonisieren oder zu europäisieren. Chinesische Diskurse über Moderne wurden in Außeinandersetzung mit Europa und europäischem Kolonialismus geführt, blieben aber unabhängig und konnten spezifisch chinesische Vorstellungen artikulieren.

In dem Seminar werden wir zunächst in einer einzelnen Sitzung theoretische Perspektiven auf "Moderne" als Akteurskonzept besprechen, um anschließend verschiedene Fallstudien zu Modernisierungsbewegungen in China zu diskutieren. Im ersten Drittel des Seminars werden wir Texte zu den historischen Ursprüngen der Idee der Moderne und der verschiedenen Modernisierungsbewegungen im Kontext des westliche und japanischen Kolonialismus in China lesen. Im zweiten und dritten Drittel werden wir verschiedene Themenbereiche, etwa Konsum, Urbanisierung und Bevölkerungspolitik in China in Hinblick auf die Frage diskutieren, inwieweit sich hier chinesische Vorstellungen von Modernität zeigen.

Da kaum deutschsprachige Texte zum Thema vorliegen, werden wir englischsprachige Texte sowie auf Englisch übersetzte, ursprünglich chinesische Texte lesen und diskutieren. Wir werden nicht nur soziologische Literatur lesen, sondern auch interdisziplinäre Arbeiten heranziehen. Es ist eine der Leistungen der Studierenden, im Seminar gemeinsam mit dem Dozierenden diese Texte soziologisch zu re-interpretieren und die für soziologische Theorien der Moderne zentralen Erkenntnisse herauszuarbeiten. Studierende sind dazu aufgefordert, in der Diskussion ihre theoretischen Vorkenntnisse aus dem Bachelorstudium und aus anderen Kursen einzubringen.

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