Funktion und Bedeutung des "Selbstbewusstseins" in den beiden Fassungen von Kants "transzendentaler

TU Dresden | Wintersemester 2022 / 2023

Funktion und Bedeutung des "Selbstbewusstseins" in den beiden Fassungen von Kants "transzendentaler

Funktion und Bedeutung des "Selbstbewusstseins" in den beiden Fassungen von Kants "transzendentaler

„Selbstbewusstsein“ ist umgangssprachlich ein durchaus schillernder Terminus, der verschiedene Nuancen und Aspekte aufweisen kann. Manchmal wird dieser Begriff im Alltagsgebrauch zumindest stark dem Begriff des „Selbstvertrauens“ angenähert. Auch in der klassischen Philosophie wird das „Selbstbewusstsein“ aus unterschiedlichen Perspektiven heraus kontrovers diskutiert. Ist die Selbstbezüglichkeit, die im „Selbstbewusstsein“ zum Ausdruck kommt, die Reflexivität eines konkreten Subjekts – oder ist diese einem überindividuellen „transzendentalen Subjekt“ zuzuordnen? Gibt es auch präthematisches Ichbewusstsein – oder muss dieses Selbstbewusstsein ausdrücklich in einem Reflexionsakt hergestellt werden? Dieter Henrich hat in einem berühmten Aufsatz „Fichtes ursprüngliche Einsicht“ in dessen Kantkritik gesehen, nach der ein Selbstbewusstsein, das sich nur in Reflexionsakten herstellen könnte, iterativ oder zirkulär sein müsse. Bezogen auf Kants „B-Deduktion“ präzisiert sich dies auch in der Frage, ob der gefasste  Gedanke „Ich denke“ identisch mit dem transzendentalen Selbstbewusstsein sei (wie z.B. neuerdings Dennis Schulting behauptet), oder ob das „Ich denke“ nur das Subjekt bzw. das immer schon geltende transzendentale Selbstbewusstsein nur bewusst mache (=weitgehende Standardmeinung). Gotthard Günther wiederum hat Kant vorgeworfen, dieser fasse das Selbstbewusstsein (die Apperzeption) fälschlich als Prinzip des Denkens, wohingegen Hegel in der „Wissenschaft der Logik“ begriffen habe, dass das Denken selbst Prinzip der Selbstbewusstseins sei.

Wir werden uns im Hauptseminar folgende Einsichten mit Blick auf Kants B-Deduktion erarbeiten:

  • Es finden sich in Kants B-Deduktion zwei Aspekte von „Selbstbewusstsein“ (Apperzeption). Ein subjektsbezogener bewusstseintheoretischer Aspekt einerseits und ein rein urteilstheoretisch-funktionaler Aspekt der Selbstbezüglichkeit des reinen Denkens andererseits.
  • Beide Aspekte sind unabdingbar notwendig, wenn die B-Deduktion argumentativ stimmig sein können soll.
  • Der urteilstheoretisch-funktionale Aspekt begründet allerdings den subjeksbezogenen letztgültig, andererseits ist der subjektstheoretische Aspekt dafür Bedingung, dass Kant die invariante Reflexivität der Apperzeption als „Ich“ bzw. ichliches Selbstbewusstssein charakterisieren durfte.
  • Die Form der „objektiven Einheit der Apperzeption“ des gültigen Erfahrungsurteils muss sich reflexiv von ihren kategorialen Modi unterschieden denken lassen und darf nicht in diesen Modi aufgehen, wenn Denken zur Selbstreflexion fähig sein können soll und nicht ausschließlich durch seinen kategorialen Gegenstandsbezug definiert sein soll.
  • Es gibt  keine Ableitung der einzelnen Kategorien bei Kant aus dem „Ich denke“ heraus, obgleich dies immer wieder fälschlicherweise behauptet wird. Dies stellt jedoch keinen Mangel von Kants Deduktion dar, sondern beinhaltet vielmehr dessen reflexionsanalytische Stärke.

Wir behandeln zunächst A-Deduktion und B-Deduktion, um den funktionalen Begriff der Apperzeption genau verstehen zu können – und befassen uns danach mit den beiden Fassungen des Paralogismuskapitels.

Eine Woche vor Beginn der Lehrveranstaltung erfahren Sie, ob diese digital, hybrid oder in Präsenz stattfinden wird.

 

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  • This content will be available from 12/09/2022 12:33 PM until 31/03/2023 12:33 PM.

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