Betreuen von Studierenden im Labor

Rückfragen

Wie betreue ich die Studierenden beim Experimentieren?

Ermutige die Studierenden durch aktivierende Rückfragen zur Selbstständigkeit!

Als Betreuungsperson musst Du im Labor auf Fragen, Anliegen und Probleme von einzelnen oder mehreren Studierenden eingehen. Zum Beispiel:

  • "Wie viel Ethanol muss ich hier zugeben?"
  • "Ist der Farbumschlag bereits erkennbar?"
  • "Wo finde ich die Stoppuhren?"
  • "Reichen fünf Messpunkte aus?"


Antworte, wenn möglich, mit Gegenfragen und schreite nicht ein oder löse das Problem für die Studierenden! Außer natürlich, wenn eine akute Gefahr besteht (siehe Arbeitsschutz und Laborsicherheit). Stelle gern auch mehrere Gegenfragen hintereinander, bis die Studierenden selbstständig weiterarbeiten. Zum Beispiel:

  • "Was denken Sie, wie viel Ethanol hier benötigt wird?"
  • "Wie kommen Sie zu dieser Einschätzung?"
  • "Möchten Sie es mal ausprobieren?"
  • "Was wäre das schlimmste, was passieren könnte?"
  • "Wie könnten Sie das Problem auf andere Art und Weise lösen?"


Wie stellst Du die Rückfragen an die Studierenden?

Die Inhalte des folgenden Abschnittes sind angelehnt an die Broschüre Die Spannung steigern - Laborpraktika didaktisch gestalten der TU Hamburg:

1.) Vermeidung von Effekten der Experten-Laien-Kommunikation
--> immer als Hilfe-zur-Selbsthilfe-Ansatz, freundlich, auf Augenhöhe und offen kommunizieren

2.) Vermeidung von geschlossenen Fragen (diese erfordern als Antwort nur ein „ja“ oder „nein“)
--> Stattdessen offene Fragen stellen, die z.B. mit „was“, „wie“, „wozu“ oder „inwiefern“ beginnen). Diese regen stärker zum Nachdenken an und enthalten stets eine Implikation. So impliziert die Frage "Wie kann dieses Problem gelöst werden?", dass es eine Lösung gibt. Die Frage „Welche Ideen haben Sie?“ impliziert, dass die Studierenden Ideen haben. Dies aktiviert daher stärker als die geschlossene Frage „Haben Sie Ideen?“.

3.) Nicht reines Wissen abfragen („Was habe ich erst gesagt, was Sie tun sollen?“)
--> Sondern zum kritischen Denken anregen. („Wie beurteilen Sie ihr Vorgehen hinsichtlich Kriterium Z?“, "Was ist Ihre Meinung?")

4.) Keine wertenden Kommentare einbauen
--> Vermeide eine wertende Gestik, Mimik und Aussagen wie „Das ist ganz leicht“ oder „Das sollten Sie alle wissen“. Sie können dazu führen, dass Studierende aus Sorge vor einer falschen Antwort auf die vermeintlich triviale Frage nicht antworten. Stattdessen kleine Hinweise geben, wenn die Studierenden nicht selbst auf die Lösung kommen (Beispiel: „Sie könnten mit X oder Y anfangen.“ oder „Zeichnen Sie eine Skizze dazu!“).

5) Nicht immer dieselbe Person fragen
--> Gern können andere Studierende in längere Gespräch einbezogen werden, z.B. Experimentierpartner:innen. Sprichst Du ohnehin mit einer Gruppe, dann versuche jede Person einzubeziehen und unterschiedliche Studierende um ihre Einschätzung zu bitten.

6) Studierende nicht für richtige Antworten loben
--> sondern für den Prozess (die Bemühung/Anstrengung/Geduld, den Fortschritt, das Mitdenken, …) --> auch falsche Antworten können gut sein, z.B: wenn Du auf ihrer Grundlage über eine Fehlvorstellung aufklären kannst. Sieh falsche Antworten als natürlichen Schritt auf dem Weg zur selbstständigen Lösungsfindung an (Motto "aus Fehlern lernen"). Achte darauf, dass sich niemand bloßgestellt fühlt!

7) Eine positive Fehlerkultur etablieren
--> Kultiviere eine positive Einstellung und einen professionellen Umgang mit vermeintlichen Fehlern. In einer akademischen Ausbildung geht es nicht darum, kopflos fehlerfreie Prozesse auszuführen, sondern Fehler anzuerkennen, zu analysieren und etwas daraus zu lernen. Möglicherweise ergeben sich sogar Gelegenheiten als Lehrperson einen Fehler zu provozieren um daraus einen Lerngewinn abzuleiten (im Rahmen der Gewährleistung eines sicheren Ablaufes). Es geht nicht darum, ein Protokoll mit perfekten Messwerten zu generieren, sondern eine reflektierte Vorgehensweise zu erlernen. Das sollte dann auch so entsprechend bewertet werden.


Julia Franke, 2023


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