S Plattenbauten als filmischer und bildkünstlerischer Projektionsraum (Schmidt)

TU Dresden | Wintersemester 2026 / 2027 S Plattenbauten als filmischer und bildkünstlerischer Projektionsraum (Schmidt)

Industrielles Bauen und insbesondere der Plattenbau rücken in den vergangenen Jahren verstärkt in den Fokus der Öffentlichkeit. Anteil daran haben Ausstellungen wie „Wohnkomplex. Kunst und Leben im Plattenbau“ im Potsdamer Kunsthaus DAS MINSK (2025/26), „PLATTE OST / WEST. Wohnen und Bauen in Großtafelbauweise“ im Dresdner Stadtmuseum (bis 28. Februar 2027) und „Platte. Leben in der Großwohnsiedlung“ im Zeitgeschichtlichen Forum in Leipzig (bis 17. Januar 2027). Sie thematisieren die Geschichte industrieller Bauweisen in Ost und West ebenso wie deren künstlerische Reflexion, die gesellschaftlichen Vorstellungen, die mit ihnen verbunden waren, und die individuellen Erfahrungen ihrer Bewohner*innen. Ausgehend von dieser Konjunktur nimmt das Seminar die Frage in den Blick, wie Plattenbauten und andere Formen der Großwohnsiedlung im Film und in der Bildenden Kunst mit unterschiedlichen gesellschaftlichen, politischen und erinnerungskulturellen Bedeutungen aufgeladen worden und werden.

Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf dem Medium Film. Am Vorabend der politischen Wende entstanden ist Peter Kahanes „Die Architekten" (DDR 1990), der heute häufig als Abgesang auf die DDR gelesen wird. Indem er vom Scheitern eines ambitionierten Projekts in einer Ost-Berliner Satellitenstadt erzählt, zeigt das Werk die Diskrepanz zwischen planerischer Utopie und gesellschaftlicher Realität auf. Die politischen und sozialen Folgen der Wende macht Thomas Heises „Neustadt-Trilogie“ eindringlich sichtbar: Zwischen 1992 und 2007 begleitete der Filmemacher Bewohner*innen von Halle-Neustadt, um Alltag, Veränderungen und familiäre Beziehungen zu dokumentieren. Das Pogrom von Rostock-Lichtenhagen 1992 hat mit „Wir sind jung. Wir sind stark." (D 2014, Regie: Burhan Qurbani) wiederum eine filmische Verarbeitung erfahren. Dass die Großwohnsiedlung metaphorisch nicht ausschließlich mit ostdeutschen Transformationserfahrungen verbunden ist, zeigt „Sonne und Beton" (D 2023, Regie: David Wnendt), der vom Leben Jugendlicher in der West-Berliner Gropiusstadt erzählt, der von Geldnot, Drogen, Bandenkonflikten und Perspektivlosigkeit geprägt ist. Die Filme ermöglichen damit einen innerdeutschen Vergleich unterschiedlicher medialer Konstruktionen von Großwohnsiedlungen als sozialen Krisen- und Erfahrungsräumen.

In internationaler Hinsicht erweitern Krzysztof Kieślowskis „Dekalog" (PL 1988/89) und Mathieu Kassovitz’ „La Haine" (F 1995) die Perspektive. Während „Dekalog“ in einem tristen Warschauer Neubaugebiet spielt, folgt „La Haine“ dem perspektivlosen Leben dreier Jugendlicher in einer Pariser Banlieue.

Eine weitere Funktion des Plattenbaus liegt in der Konstruktion als Erinnerungsraum. In „Good Bye, Lenin!" (D 2003, Regie: Wolfgang Becker) verwandelt der Protagonist die Plattenbauwohnung seiner Mutter in eine künstliche DDR-Erinnerungswelt und versucht auf diese Weise, das untergegangene Land für sie zu konservieren.

Die Bildende Kunst hat den Plattenbau sowohl als Ausdruck gesellschaftlicher Utopien wie auch hinsichtlich seiner Widersprüche reflektiert. So überblendet Harald Metzkes’ 1984 entstandenes Gemälde „Aufbau von Marzahn“ die Entstehung der Berliner Großwohnsiedlung mit einer grotesk-surrealen Figurengruppe. Uwe Pfeifers in Halle-Neustadt entstandene Bilder wiederum schildern das Motiv der Neubausiedlung als ambivalente, von Menschenleere und architektonischer Monotonie geprägte Stadtlandschaft.

Mit Henrike Naumanns Diplomarbeit, der Installation „Triangular Stories (Amnesia & Terror)“ aus dem Jahr 2012 rückt gleichfalls die politische Aufladung des Plattenbaus in der Nachwendezeit in den Fokus. In ihrer Rekonstruktion zweier Zimmerecken aus Plattenbauwohnungen laufen zwei VHS-Videos, die gegensätzliche Jugendcliquen der frühen 1990er Jahre präsentieren: Anhänger*innen der Techno-Szene wird eine Gruppe Neonazis gegenübergestellt, die später den NSU gründen soll. Ergänzend bietet sich ein Blick auf die Arbeiten des britischen Konzeptkünstlers Stephen Willats an, etwa auf die Serie „Ein Spaziergang in Marzahn. Berlin, Juni 1992 – Januar 1993“, in der er in dem Wohngebiet Gebäude, Zeichen und Symbole fotografisch festgehalten hat.

Ziel des Seminars ist es, anhand von exemplarischen Fallstudien aus Film und Bildender Kunst zu untersuchen, wie Plattenbauten visuell konstituiert, symbolisch aufgeladen und gesellschaftlich bewertet werden. Im Mittelpunkt steht dabei auch die Frage, welchen Anteil ästhetische Bilder an der Erfindung, Wahrnehmung und Erinnerung architektonischer Räume haben: als Orte gesellschaftlichen Fortschritts und individueller Freiheit ebenso wie als Räume von Entfremdung, sozialem Konflikt und politischem Scheitern. Ergänzend dazu sind mehrere Exkursionen vorgesehen.

Die Bereitschaft zur regelmäßigen Teilnahme, zur Übernahme eines Referats und zur Lektüre begleitender Texte wird vorausgesetzt. Die Vergabe der Referatsthemen erfolgt in der ersten Sitzung. Die Anmeldung zum Seminar erfolgt über OPAL.

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