IHI Zittau | Wintersemester 2013 / 2014 8. Zittauer Gespräche

zugleich Workshop WK WEW

8. Zittauer Gespräche zur Wirtschafts- und Unternehmensethik,
zugleich Workshop der VHB-Kommission
Wissenschaftstheorie und Ethik in der Wirtschaftswissenschaft


vom 25. bis 26. Oktober 2013 im Zittauer Rathaus

 

"Resozialisierung der ökonomischen Rationalität"

In den Wirtschafts- und Sozialwissenschaften wird ökonomische Rationalität spätestens seit Ende des 19. Jahrhunderts mit dem Konzept des am (egoistischen) Selbstinteresse orientierten, nutzenmaximierenden Handelns gleichgesetzt (vgl. exemplarisch Edgeworth 1881). Als idealtypische Verkörperung der ökonomischen Rationalität wurde dabei recht bald das Akteurskonzept des Homo oeconomicus (HO) propagiert. Dieses verbindet sich mit der Annahme, dass Akteure in ihrem Handeln – bei variierenden Nebenbedingungen – stets danach streben, die Folgen ihres Handelns im Hinblick auf ihr Eigeninte­resse unter Kosten-Nutzen-Gesichtspunkten zu optimieren.

Während diese enge Auffassung ökonomischer Rationalität – im Folgenden als HO-Ratio­nalität bezeichnet – in der wirtschaftswissenschaftlichen Lehre aktuell den breiten Main­stream verkörpert, wird sie sowohl innerhalb der Wirtschafts- und Sozialwissen­schaften (vgl. u.a. Sen 1999; Henrich et al. 2005) als auch aus der Perspektive einer Philo­sophie der praktischen Rationalität (vgl. etwa Ulrich 1993, Nida-Rümelin 1993) seit län­gerer Zeit in Frage gestellt. Die verengende Gleichsetzung von ökonomischer Rationalität mit einer ausschließlich am Eigeninteresse orientierten Handlungsorientierung wird dabei nicht nur aus handlungstheoretischen Überlegungen heraus als inadäquat kritisiert, son­dern auch vor dem Hintergrund empirisch-experimenteller Befunde aus dem Kontext der wirtschaftswissenschaftlichen Entscheidungsforschung (u.a. Fehr/Schmidt 1999; Bolton/ Ockenfels 2000). Als Erklärungsdefizit eines
HO-geleiteten Rationalitätskonzepts für das individuelle Entscheidungshandeln wird dabei vor allem der hier vernachlässigte Ein­fluss kulturell variierender Altruismus- und Fairnessnormen hervorgehoben (vgl. u.a. Hen­rich 2000). Einzelne Autoren aus dem Bereich der Wirtschaftssoziologie vertreten über diese Befunde
hinausgehend die Auffassung, dass Aspekte der Sozialität und Kulturalität nicht nur als Kontextbedingungen ökonomischen Handelns wirksam sind. Vielmehr sei davon auszugehen, dass sozialstrukturellen und kulturellen Gegebenheiten eine konstitutive Be­deutung für die Art der Ausprägung ökonomischer
Handlungsrationalität in einem So­zialraum zukommt (vgl. u.a. Fligstein 2001, Dobbin 2004).

Ungeachtet der referierten Kritiken werden in der Betriebswirtschaftslehre das Akteurs­konzept des Homo oeconomicus und die hieraus abgeleiteten Theorien des strategischen und operativen Entscheidens als
selbstverständliche Basisannahme zugrunde gelegt. Da­bei bleibt allerdings häufig ungeklärt, welcher epistemologische Status der HO-Rationali­tät zukommen soll: empirisch, axiomatisch oder normativ im Sinne einer Ethik des be­rechtigten („guten“) Entscheidens. Diese epistemologische Unschärfe wird insbesondere deshalb praktisch relevant, weil die HO-Rationalität im Sinne einer self-fulfilling prophecy inzwischen zum Bestandteil des handlungsleitenden Alltagswissens gesellschaftlicher Ak­teure geworden ist. In Einklang mit diesen Überlegungen konstatiert auch die US-ameri­kanische Corporate-Governance-Expertin Lynn A.
Stout, dass die Verwendung des Homo oeconomicus als Leitbild ökonomischer Rationalität nicht nur auf der
Theorieebene zu einer methodologischen Engführung des wirtschafts- und sozialwissenschaftlichen Den­kens geführt habe (vgl. Stout 2008). Der soziopathisch und autistisch konzipierte Homo oeconomicus habe vielmehr ebenfalls – vermittelt über die vor seinem Hintergrund ent­worfene betriebswirtschaftlichen und wirtschaftspolitischen Steuerungstheorien – in ent­scheidender Weise das Handeln realer Akteure
beeinflusst und infolgedessen nicht unwe­sentlich zur Entstehung wirtschaftlicher Krisen beigetragen, wie wir sie bis in die jüngste Vergangenheit und Gegenwart hinein nicht nur in Europa erleben (vgl. zu dieser
These in populärwissenschaftlichem Duktus jüngst Schirrmacher 2013).

Spätestens hier stellt sich die Frage nach der ethischen Reflexion des betriebswirtschaft­lichen Selbstverständnisses auf Basis der HO-Rationalität (vgl. hierzu etwa unterschied­liche Akzentuierungen bei Albach 2005; Hax 1993, 1995; Schneider 1990, 1995, 2001 oder auch Steinmann 1978). Diese Frage steht im Mittelpunkt der 8. Zittauer Gespräche zur Wirtschafts- und Unternehmensethik, die in diesem Jahr zugleich als Workshop der Kommission Wissenschaftstheorie und Ethik in der Wirtschaftswissenschaft des Verbands der
Hochschullehrer für Betriebswirtschaftslehre (VHB) durchgeführt werden. Diskutiert werden soll dabei, wie die skizzierte Kritik der HO-Auffassung ökonomischer Rationalität und daran anschließende Reformüberlegungen
einzuschätzen und wissenschaftlich zu bewerten sind. Das Themenspektrum möglicher Diskussionsbeiträge hierzu ist vielfältig. Es betrifft zum einen die theoretische Plausibilität und empirische Validität der in jüngster Zeit in Zusammenhang mit dem HO-Konzept ökonomischer Rationalität vorgetragenen Krisendiagnosen. Es betrifft zum anderen die Frage, welche Ansätze zur Resozialisierung der ökonomischen Rationalität sich auf der Ebene der wirtschafts- und sozialwissenschaft­lichen Theoriebildung sowie in Bereichen der betriebswirtschaftlichen Praxis gegenwärtig anbieten. Resozialisierung der ökonomischen Rationalität lässt sich dabei – analog zur strafrechtlich-kriminologischen Verwendung des Resozialisierungsbegriffs – im Sinne einer „gesellschaftlichen Wiedereingliederung“ der ökonomischen Rationalität oder auch als Forderung nach einer „sozial-theoretischen Neueinbettung“ ihres Begriffs verstehen (vgl. u.a. Granovetter 1985). Was dies konzeptionslogisch bedeutet, soll im Rahmen der Zittauer Gespräche breit diskutiert werden.

Wir haben dazu eingeladen, sowohl theoretische und empirische Arbeiten als auch praxisorientierte Fallstudien u.a. zu den folgenden Fragestellungen einzureichen:

  • Wie und unter welchen Rahmenbedingungen hat sich das HO-Verständnis ökonomischer Rationalität im Diskurs der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften herausgebildet und wissenschaftlich durchgesetzt?  
    • Genese des HO-Konzepts ökonomischer Rationalität im Diskurs der praktischen Philosophie und politischen Ökonomie des 18. und 19. Jahrhunderts
    • Begriffe und Definitionen ökonomischer Rationalität im Kontext variierender kultureller Rahmenbedingungen und gesellschaftlicher Wandlungsprozesse
    • Genese und Geltung ökonomischer Rationalitätskonzepte im Kontext betriebs­wirtschaftlicher Lehre und Ausbildung
  • Wie sind Gegenwartsdiagnosen wissenschaftlich zu bewerten, die einen kausalen Zusammenhang zwischen der Durchsetzung des HO-Konzepts ökonomischer Rati­onalität in den Wirtschaftswissenschaften und der Entstehung wirtschaftlicher Kri­sen behaupten?
    • HO-Rationalität und wirtschaftliche Realitätskonstruktionen
    • HO-Rationalität und die Krise(n) der Wachstumsökonomie
  • Welche alternativen Auffassungen ökonomischer Rationalität sind sozialtheoretisch und empirisch begründbar?
    • Rationalität(en) wirtschaftlichen Handelns
    • Ökonomische Rationalität aus der Perspektive einer normativen Ökonomik
  • Welche Ansätze bieten sich in dem Kontext der wirtschafts- und sozialwissen­schaftlichen Theoriebildung sowie aus der betriebswirtschaftlichen Praxis heraus als Ansätze zur Resozialisierung ökonomischer Rationalität an?
    • Wirtschaftssoziologie und die Resozialisierung ökonomischer Rationalität
    • Ökonomische Rationalität und die Praxis ihrer Resozialisierung in den betriebs­wirtschaftlichen Funktionsbereichen von Produktion und Logistik, Marketing, Internationalem Management, Personalwesen, Finanzierung, Innovationsma­nagement, Umweltwirtschaft etc.
    • Wirtschaftsethische Initiativen und Programme zur Resozialisierung ökonomi­scher Rationalität
    • Betriebswirtschaftslehre mit bzw. ohne Unternehmensethik

 


Literatur

Albach, H. (2005): Betriebswirtschaftslehre ohne Unternehmensethik! in: Zeitschrift für Betriebswirtschaft, Vol. 75, S. 810-831.

Bolton, G. E.; Ockenfels, A. (2000): ERC: A theory of equity, reciprocity and competition, in: American Economic Review, Vol. 90, S. 166-193.

Dobbin, F. (2004): Introduction: The sociology of economy, in: ders. (Hrsg.): The sociology of economy. New York: Russel Sage, S. 1-26.

Edgeworth, F. Y. (1881): Mathematical Physics. London: Paul.

Fehr, E.; Schmidt, K. (1999): A Theory of fairness, competition, and cooperation, in: Quar­terly Journal of
Economics, Vol. 114, S. 817-868.

Fligstein, N. (2001): The architecture of markets: an economic sociology of twenty-first-century capitalist societies. Princeton: Princeton University Press.

Granovetter, M. (1985): Economic action and social structure: the problem of embed­dedness, in: American Journal of Sociology, Vol. 91, S. 481-510.

Hax, H. (1993): Unternehmensethik – Ordnungselement der Marktwirtschaft? in: Zeitschrift für betriebswirtschaftliche Forschung, Vol. 45, S. 769-779.

Hax, H. (1995): Unternehmensethik – Fragwürdiges Ordnungselement in der Marktwirt­schaft, in: Zeitschrift für Betriebswirtschaftliche Forschung, Vol. 47, S. 180-181.

Henrich, J. (2000): Does culture matter in economic behavior? Ultimatum game bargain­ing among the Machiguenga, in: American Economic Review, Vol. 90, S. 973-979.

Henrich, J. et al. (2005): Economic man in cross-cultural perspective, in: Behavioral and Brain Sciences, Vol. 28, S. 795-855.

Nida-Rümelin, J. (1992): Ökonomische Rationalität und praktische Vernunft, in: Hollis, M.(Hrsg.): Moralische Entscheidung und rationale Wahl. München: Oldenbourg. S. 131-152.

Schirrmacher, F. (2013): Ego – Das Spiel des Lebens. München: Blessing.

Schneider, D. (1990): Unternehmensethik und Gewinnprinzip in der Betriebswirt­schaftslehre, in: Zeitschrift für betriebswirtschaftliche Forschung, Vol. 42, S. 869-891.

Schneider, D. (1995): Betriebswirtschaftslehre, Band 1: Grundlagen (2. Aufl.). München/Wien: Oldenbourg.

Schneider, D. (2001): Betriebswirtschaftslehre, Band 4: Geschichte und Methoden der Wirtschaftswissenschaft. München/Wien: Oldenbourg.

Sen, A. (1999, orig. 1977): Rationale Trottel: Eine Kritik der behavioristischen Grundlagen der Wirtschaftstheorie, in: Gosepath, St. (Hrsg.): Motive, Gründe, Zwecke – Theorien praktischer Vernunft. Frankfurt a.M.: Fischer, S. 246-263.

Steinmann, H. (1978): Betriebswirtschaftslehre als normative Handlungswissenschaft. Wiesbaden: Gabler.

Stout, L. A. (2008): Taking conscience seriously, in: Zak, P. J. (Hrsg.): Moral markets: the critical role
of values in the economy. Princeton: Princeton University Press, S. 57-172.

Ulrich, P. (1993, orig. 1986): Transformation der ökonomischen Vernunft (3. Auflage). Bern: Haupt.

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