Uncanny Images – Von der Schwarzen Romantik zum Horrorfilm
F. W. Murnaus Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens, Benjamin Christensens Häxan (jeweils 1922), Paul Lenis The Man Who Laughs (1928) oder Tod Brownings Dracula (1931) sind Ikonen des frühen Horrorfilms – und ihre Motive haben früh Eingang in die Populärkultur gefunden. Allerdings haben, lange bevor in Georges Méliès Le manoir du diable (1896) zum ersten Mal Geister, Monster und Fledermäuse auf der Leinwand erschienen, Werke der Literatur und Bildenden Kunst das visuelle und narrative Fundament für das Genre bereitet.
Bereits 1764 begründete Horace Walpoles The Castle of Otranto die Gattung der Gothic Novel. Mit seinem Anwesen Strawberry Hill verlieh der Schriftsteller seinen Schauervisionen auch architektonisch Ausdruck. Walpoles Roman gilt als Vorläufer der Schwarzen Romantik, deren Vertreter*innen der Vernunft- und Fortschrittsfixierung der Aufklärung mit einer Begeisterung für das Abseitige und Übernatürliche begegneten. Autor*innen wie Mary Shelley, Edgar Allan Poe, Ann Radcliffe, Bram Stoker und E. T. A. Hoffmann lehrten das Publikum des 19. Jahrhunderts das Fürchten – und ihre Stoffe dienten als Vorlage für einige der populärsten Werke des Horrorkinos.
Auch in der bildenden Kunst der Zeit manifestierte sich das Unheimliche: Gespenstische Erscheinungen, Ruinen, einsame Landschaften und die Nachtseiten des Bewusstseins finden sich in den Werken von Francisco de Goya ebenso wie bei Johann Heinrich Füssli, Clara Siewert und Caspar David Friedrich. Wie die Buchillustrationen von Gustave Doré, Harry Clarke oder Alfred Kubin haben ihre Bilder die Vorstellung vom Unheimlichen zum Teil bereits vor der Entstehung der ersten Horrorfilme geprägt.
Das Seminar verfolgt die Ausformung des Horrorgenres ausgehend von seinen Anfängen in der Romantik und spannt einen zeitlichen Bogen, der bis zu zeitgenössischen Künstler*innen wie Tracey Moffat und Tacita Dean reicht, in deren Arbeiten die Ästhetik historischer Fotografien und Filme mit postkolonialen und feministischen Perspektiven verknüpft wird. Neben der Analyse der visuellen Entwicklung stehen künstlerische Strategien im Vordergrund, über die sich das Unheimliche in den unterschiedlichen Medien manifestiert.
Aufgrund seiner interdisziplinären Ausrichtung und weitreichenden Fragestellung richtet sich das Seminar auch an Studierende anderer Fachrichtungen sowie an Masterstudierende der Kunstgeschichte. Durch die Verbindung kunst-, literatur- und filmwissenschaftlicher Ansätze soll deutlich werden, wie der Horrorfilm einerseits eine lange Tradition des Fantastischen fortführt und andererseits neue Bildwelten erschafft. Aus diesem Grund wird der parallele Besuch der Ringvorlesung Im Cabinet des Dr. Caligari dringend empfohlen. Die Bereitschaft zu regelmäßiger, aktiver Teilnahme, zur Sichtung der behandelten Filme sowie zur Lektüre begleitender Texte wird vorausgesetzt.