Gedächtnis und Literatur

TU Dresden | Sommersemester 2026 Gedächtnis und Literatur

Dozent: Dr. Thorsten Bothe

Zeit: Di (2)

Ort: BSS/117

Beginn der Einschreibung:  23.03.26, 15:00 Uhr


Sprechstunde:

Donnerstag, 12:00-14:00 Uhr, W48/1.16 (außer in vl-freien Zeiten, Anmeldungen in OPAL)


Mit der Bitte um Beachtung:

Für alle Fragen betr. der Einschreibung bzw. des Kursinhalts wenden Sie sich bitte immer direkt an den Dozenten.
Die Adminstratorin, Angelika Gleisberg, hat nur die Lernressourcen initiativ für die Dozent:innen eingerichtet und ist nicht für deren Inhalt bzw. Kurszugang die richtige Ansprechpartnerin.
 
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Kommentar:

Die Griechen – so Frances Yates in ihrem kanonischen Buch »The Art of Memory« – haben viele Künste erfunden, darunter auch die Gedächtniskunst (ars memorativa), die der Ausgangspunkt dieses Seminars ist. Mit Hilfe dieser Kunst wird an bestimmten architekturalen Orten (loci) mit Bildern (imagines) im Geist niedergeschrieben, was es auswendig zu behalten gilt, und was dann in einem Lesevorgang wieder abrufbar wird. Diese Kunst (techné) wurde wie viele Künste an das antike Rom weitergereicht (Yates) und die Rhetorik inkorporierte sich diese Mnemotechnik in die memoria, als die vierte Abteilung ihres Wissens. Für die Literaturwissenschaft sind diese Aufschreibe- und Lesemodelle daher von Interesse, weil sie einerseits mit jenen Sinn-, Klang- und Buchstabenverfahren operieren, die die Literatur immer schon latent bereit hielt, andererseits das Gedächtnis selbst immer metaphorisch gedacht wird (als Wachstafel, Schrift, Lagerhaus, Abdruck eines Siegelrings, Dachboden, Wunderblock, Palast, Theater, usf.), so dass das Seminar hier Fragen der Referenzialität der Sprache ebenso verhandeln will, wie das Thema Exkursionen in die Bereiche der Mnemopathologie (Gedächtniskünstler, Mnemonisten als literarische Figur) und der Vergessenskonzepte (ars oblivionalis, Löschbarkeit) erlaubt. Ein Schwerpunkt des Seminars ist der Mnemopath mit seinen spezifischen Erscheinungsformen von Textualität, deren Rhetorizität häufig auf die antike memoria bezogen bleibt, ob es sich nun um intertextuelles Fortschreiben antiker Mythen, einen besonderen Umgang mit dem Medium der Schrift oder historisch verbürgte Personen, die den Regeln antiker ars paradoxer Weise folgen ohne diese zu kennen, handelt. Die komparatistischen Seminarlektüre reicht von antiken Berichten von Gedächtnisunfällen über die klassischen Rhetoriken bis hin zu Texten von z.B. J.L. Borges, Jack Dann, William Gibson, Elias Canetti, Patrick Süskind, Thomas Harris und sogar Krankenberichten.

Literatur

  • Draaisma, Douwe, Die Metaphernmaschine. Eine Geschichte des Gedächtnisses, Darmstadt, 1999.
  • Eco, Umberto, “An Ars Oblivionalis? Forget It!” , PMLA 1983, 103, S. 254-61.
  • Gedächtnis und Erinnerung. Ein interdisziplinäres Lexikon, hg. v. Nicolas Pethes und Jens Ruchatz, Reinbek bei Hamburg, 2001.
  • Ernst, Ulrich, »Die Bibliothek im Kopf. Gedächtniskünstler in der europäischen und amerikanischen Literatur«, in: Zeitschrift für Literaturwisenschaft und Linguistik (LiLi), 27, H. 105 (1997), S. 86-123.
  • Freud, Sigmund, »Notiz über den Wunderblock«, in: Studienausgabe, Bd. III., Frankfurt am Main, 2000, S. 363-369.
  • Lachmann, Renate, »Die Unlöschbarkeit der Zeichen: Das semiotische Unglück des Mnemonisten«, in: Gedächtniskunst: Raum – Bild – Schrift. Studien zur Mnemotechnik, hg. v. Anselm Haverkamp und Renate Lachmann, Frankfurt am Main, 1991. S. 111-141.
  • Simon, Ralf, »Imagines agentes«, in: Rhetorik. Ein internationales Jahrbuch, 20, (2001), S. 18-39.
  • Weinrich, Harald, Lethe. Kunst und Kritik des Vergessens, München, 1997.
  • Yates, Frances A., The Art of Memory, London, 1966.
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