S: Erzählte Moderne (Di., 4. DS)
Die Weimarer Republik wird gelegentlich als „Laboratorium der Moderne“ bezeichnet. Technische Innovationen, Massenmedien, Urbanisierung und neue Mobilitätsformen veränderten den Alltag in bislang unbekanntem Tempo. Zugleich prägten politische Instabilität und ökonomische Krisen eine Epoche, die im europäischen Kontext eine Zwischenkriegszeit war. Die rasanten Veränderungen der Lebenswelten führten zu neuen Weltanschauungen und erschütterten bestehende politische, wirtschaftliche und soziale Ordnungen.
In der Literatur dieser Jahre reagierten Schriftstellerinnen und Schriftsteller sensibel auf diese Spannungen und richteten ihren Blick verstärkt auf die Dynamiken alter wie neuer Handlungsräume. An der Schnittstelle von Literatur- und Geschichtswissenschaften möchten wir im Seminar danach fragen, inwiefern die erzählende Literatur dieser Zeit – kanonische wie weniger bekannte Texte – als historische Erkenntnisquelle gelesen und für zeithistorische Fragestellungen fruchtbar gemacht werden kann. Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf den Erkenntniswert der Literatur für die Technik- und Wirtschaftsgeschichte. Dabei geht es unter anderem um die dichterische Wahrnehmung sozialpsychologischer Krisenmomente, die in Figurenkonstellationen verschlüsselt sind.
Das Seminar richtet sich vorwiegend an Studierende, die einen höheren Leseaufwand nicht scheuen. Da das Seminar interdisziplinär ausgerichtet ist, werden wir uns neben der Belletristik selbst auch mit historischen Grundlagentexten zur Weimarer Republik sowie mit literatur- und geschichtstheoretischen Ansätzen beschäftigen. Dies setzt die Bereitschaft voraus, sich über das für Bachelorseminare übliche Maß an Arbeitsaufwand hinaus intensiv mit den Texten auseinanderzusetzen und diese eigenständig vor- und nachzubereiten.
Der Textkanon wird zur ersten Sitzung bekanntgegeben.