Bildungsungleichheiten literarisch betrachtet
„[…] machte ich meine Hausaufgaben in der Küche, während du fernsahst, rauchtest und achselzuckend sagtest, zur Schule gehen sei sinnlos, während meine Geschwister sich unterhielten und meine Mutter an demselben Tisch kochte, an dem ich versuchte, meine Hausaufgaben zu machen“[1]
erinnert sich Édouard Louis in seinem Buch Anleitung ein anderer zu werden an die prekären Bedingungen, unter denen er zu Hause lernen musste. Louis steht neben Annie Ernaux und Didier Eribon exemplarisch für eine Form des Erzählens, die in den letzten Jahren Konjunktur erfahren und es sich zum Sujet gemacht hat, soziale Herkunft, Bildungsungleichheit und Klassismus literarisch zu verhandeln. In ihren Büchern reflektieren sie aus der Perspektive so genannter Bildungsaufsteiger:innen über die Bedingungen und Prägungen ihres Herkunftsmilieus und machen ihre eigene soziale Mobilität zum Gegenstand ihres Schreibens. Im Zuge dessen werden die Autor:innen von Autosoziobiografien – ein genre in the making – als Seismografen für eine Situation betrachtet, in der die Reproduktion von sozialer Ungleichheit durch das Bildungssystem nachdrücklich von empirischen Studien belegt wird. Das Seminar zieht autosoziobiografische Texte als Ausgangspunkt heran, aus denen sich „allerlei Soziales herauslesen“[2] lässt und hat das Ziel, die subtilen Wirkungsweisen freizulegen, die im Rahmen von sozialer Ungleichheit und habitueller Prägung auf Bildungsbiografien wirken: Mechanismen, die quantitative Erhebungen zwar in Zahlen abbilden, in ihrer Komplexität und affektiven Dimension jedoch nicht erfassen können. Darüber hinaus sollen die Studierenden dazu angeregt werden, sich vor dem Hintergrund der erarbeiteten Inhalte kritisch mit der eigenen Verortung im Bildungssystem auseinanderzusetzen, indem sie als schreibendes Ich, „den Platz des Forschers“[3] einnehmen und zum Beispiel eigene Bildungsbiografien anfertigen.
Um diese Ziele erreichen zu können, ist das Seminar wie folgt gegliedert: Erstens werden Konzepte Pierre Bourdieus Sozialtheorie erarbeitet, die für die Analyse autosoziobiografischer Texte besonders relevant sind und den zentralen Referenzrahmen des Seminars darstellen. Zweitens wird das Genre Autosoziobiografie als Methode der Literatursoziologie vorgestellt und untersucht, „inwiefern Literatur symbolische Herrschaft […] offenlegt, hinterfragt und subvertiert“[4]. Im Rahmen dessen werden Textausschnitte von Louis, Eribon und Ernaux vorgestellt und diskutiert sowie weitere genretypische Werke behandelt. Besonderes Augenmerk liegt dabei auf der Figur des Klassenwechslers und der Frage, welche Folgen ein gespaltener Habitus für die eigene Identitätskonstruktion nach sich zieht und ein neuer Selbstentwurf dadurch (un)möglich wird. Drittens soll gemeinsam erarbeitet werden, inwiefern die Seminarinhalte empirisch-anwendungsbezogen auf den Kontext der Universitätsschule Dresden übertragen und dort erforscht werden können.
[1] Louis, 2022: Anleitung ein anderer zu werden, S. 75.
[2] Amlinger, Assmann & Büttner 2025: Was ist Literatursoziologie? Internationales Archiv für Sozialgeschichte der deutschen Literatur, 50(1), S. 130.
[3] Amlinger 2022: Literatur als Soziologie. Autofiktion, soziale Tatsachen und soziologische Erkenntnis. In: E. Blome, P. Lammers & S. Seidel (Hrsg.), Autosoziobiographie. Poetik und Politik. S. 50.
[4] Amlinger, Assmann & Büttner 2025: Was ist Literatursoziologie? Internationales Archiv für Sozialgeschichte der deutschen Literatur, 50(1), S. 152.