[S] Weltordnungskonzepte und Weltordnungstheorien - WS 2026/27
Dozent: Stefan Robel
Modul: BA-IB-ATP, PHF-BA-SOWI-POL-IP-AKT
Termin: Mittwoch, 5. DS, ZEU/147
„The landscape of world affairs is changing rapidly. Whether one focuses on China’s rise, Russia’s revisionism, rising inequality, demographic shifts, headlong technological advances, climate change, or the radically altered role of the United States, the world of today and tomorrow looks very different from either the long Cold War or the era of U.S. dominance that followed it. These shifts have created growing uncertainty and magnified fears about the future, and you’ve probably felt some of these fears yourself. The question is: What are you going to do to figure out where we are and where are we headed?“
Stephen Walt, The New Geopolitics Newsletter, Foreign Policy (14.09.2026)
In diesem Seminar wollen wir uns dieser, im obigen Zitat gestellten, Aufgabe annehmen, in dem wir uns mit ausgewählten Konzepten und Theorien internationaler Ordnung in den IB befassen.
Konzepte und Analysen globaler Ordnung kreisen seit zweiter Hälfte des 20. Jahrhunderts i. a. R. um die Rolle der USA im internationalen System. Waren die Vereinigten Staaten zunächst Initiator, Konstrukteur und Garant einer institutionalisierten, regelbasierten internationalen Ordnung, so bekam dieses Bild durch die unilaterale Aufkündigung des Gold-Standards durch Präsident Nixon bereits in den frühen 1970er Jahren erste Risse. Heute, inmitten der zweiten Präsidentschaft von Donald J. Trump, wird die Führungsrolle der USA im internationalen System nicht nur in Frage gestellt. Mittlerweile gelten die Vereinigten Staaten selbst unter traditionellen Verbündeten als einer der Hauptsaboteure ebenjener regelbasierten Ordnung, die sie einst schufen. In diesem Seminar widmen wir uns der systematischen Analyse der Veränderungen internationaler Ordnung von Bretton Woods bis heute (wenn Sie so wollen: bis zum Trump’schen Dieseldeal mit Putin inmitten des Ukraine-Krieges).
In der akademischen Auseinandersetzung mit Weltordnungskonzepten in der politikwissenschaftlichen Teildisziplin IB lassen sich drei grundlegende Phasen identifizieren:
1. Hegemonie und Bipolarität: US-Vormachtstellung und Ost-West-Konflikt
Bestimmte die Vormachtstellung der USA nach Beendigung des Zweiten Weltkriegs zunächst die Wahrnehmung, so wurde diese nur wenig später überlagert durch die Blockkonfrontation mit den Staaten des Warschauer Paktes. Im sogenannten „Ost-West-Konflikt“ wurde der globale Führungsanspruch der Vereinigten Staaten sowohl in sicherheitspolitischer (NATO vs. Warschauer Pakt), wirtschaftspolitischer (Markt- vs. Planwirtschaft) sowie gesellschaftspolitisch-ideologischer Hinsicht (Demokratie vs. Sozialismus) von einer „zweiten Supermacht“, der Sowjetunion, herausgefordert.
Tags (theory): Hegemonic Stability Theory, Regimeanalyse, Weltsystemanalyse, Hegemonic Decline.
Tags (empirical): Bretton Woods System, M.A.D., Third World/Blockfreienbewegung, Oil Price Shock, Eurodollars, Mogadishu, Washington Consensus. Afghanistan 1.0 (SU),
2. Unipolarität: Die einsame Supermacht und (nicht) das Ende der Geschichte
Auf die Dekaden der Bipolarität folgte mit Beginn der 1990er Jahre „der Unipolare Moment“ der USA (Charles Krauthammer). Angesichts der letzten verbliebenen Supermacht USA, sicherheitspolitisch unangefochten (mit einem in der Weltgeschichte beispielloses Netz an Allianzen und Militärbasen), schien der globale Siegeszug marktwirtschaftlicher Prinzipien im Zuge der Globalisierung, befördert durch rapiden technologischen Fortschritt und fortschreitende Institutionalisierung (s. Gründung der WTO), unaufhaltsam. Mit dem Ende des Ost-West-Konflikts nahm die Anzahl (formal) demokratischer Systeme nach früheren Wellen der Demokratisierung noch einmal sprunghaft an. Einige sahen mit dem (vermeintlich endgültigen) Triumph der Vereinigten Staaten auf allen drei Sachbereichen bereits „das Ende der Geschichte“ (F. Fukuyama) erreicht.
Es kam bekanntlich gänzlich anders. Schon gut anderthalb Jahrzehnte vor Trumps erster Amtszeit setzte die neokonservative George W. Bush-Administration Post-9-11 neue Maßstäbe hinsichtlich eines mehr oder weniger offen zur Schau getragenen Unilateralismus, der Allianzen sowie internationale Institutionen und internationales Recht allenfalls selektiv nutzt und andernfalls beiseite schiebt.
Tags (empirical): Gridlock, Black Hawk Down, Rogue States, Failed States, 9/11, Afghanistan 2.0 (US), Neoconservatism, Iraq War (2003), IS
Tags (theory): End of History, Critical Constructivism, Globalization, Clash of Civilizations, Blowback, U.S. Empire, U.S. Decline Revisited, Selektiver Bilateralismus, Selektiver Multilateralismus
3. Multipolarität und die Zukunft globaler (Un)Ordnung
Was tritt an die Stelle der amerikazentrierten, regelbasierten Ordnung? Um sich der Beantwortung dieser Frage anzunähern, ist sowohl der Rückblick auf ihre historische Entwicklung (1,+2,), als auch das Studium aktueller politischer Entwicklungen und Konzepte unverzichtbar.
Tags (theory): Hegemonialkonkurrenz, New Medivialism, Endism, Neues Großmächtekonzert, Neue Bipolarität (to be cont’d)
Tags (empirical): Rise of China, BRICS, Trump 1.0, COVID-19, Russian war with Ukraine, Trump 2.0, Hybrid warfare, A.I. and its consequences, Climate Change, Culture Wars, New authoritarianism (to be cont’d)
Im Seminar erarbeiten wir uns das analytische Rüstzeug zur eigenständigen Analyse und kritischen Auseinandersetzung mit aktuellen und klassischen Weltordnungs-Konzeptionen und -Debatten in den IB.