Der überflüssige Mensch
Der sogenannte „überflüssige Mensch“ (russ. lišnij čelovek) entsteht
in der russischen Literatur des 19. Jahrhunderts als Figur
gesellschaftlicher Wirkungslosigkeit: gebildet, reflektiert und
potentiell handlungsfähig, bleibt er ohne Einfluss auf seine Umwelt.
Klassische Ausprägungen finden sich etwa in Ein Held unserer
Zeit von Michail Lermontow oder in Oblomow von Iwan
Gontscharow.
Das Seminar geht von diesem russischen Ursprung aus
und fragt, inwieweit sich der Typus auch in anderen Literaturen
wiederfinden lässt. In vergleichender Perspektive werden Texte aus
verschiedenen europäischen Literaturen gelesen, darunter Adolphe
von Benjamin Constant, Bartleby, the Scrivener von
Herman Melville sowie deutschsprachige Varianten wie Stopfkuchen
von Wilhelm Raabe oder Jakob von Gunten von Robert
Walser.
Im Zentrum steht die Frage, ob der „überflüssige Mensch“
ein spezifisch russisches Phänomen bleibt oder als interkulturelle
Figur moderner Selbstentfremdung verstanden werden kann.