WS 2026/27_Mi. 14:50_S Der Kulturmythos Mitteleuropa: Polen, Tschechien, Ukraine

TU Dresden | Wintersemester 2026 / 2027 WS 2026/27_Mi. 14:50_S Der Kulturmythos Mitteleuropa: Polen, Tschechien, Ukraine

Das Thema diese Seminars ist der Kulturmythos „Mitteleuropa“, der seit den 1980er Jahren zu einem der einflussreichsten Konzepte der kulturellen Selbstbeschreibung Ostmitteleuropas geworden ist. Ausgangspunkt ist die berühmte Mitteleuropa-Debatte, an der Intellektuelle und Schriftsteller wie Milan Kundera, Czesław Miłosz, Danilo Kiš, György Konrád oder Milo Dor ebenso beteiligt waren wie westliche Beobachter, etwa Timothy Garton Ash. In Essays, unter anderem in der Zeitschrift Zeszyty Literackie, entwarfen sie Mitteleuropa als einen gemeinsamen geistigen und kulturellen Raum, der durch die politische Teilung Europas nach 1945 verdeckt, ideologisch überschrieben und seiner historischen Identität beraubt worden sei. Gegen die geopolitische Ordnung des Kalten Krieges setzten sie die Vorstellung einer Region, deren kulturelles Gedächtnis von Mehrsprachigkeit, Multikulturalität, Westorientierung und den historischen Erfahrungen der Habsburgermonarchie geprägt war. Mitteleuropa erschien dabei als eine „verdichtete Version Europas“, als Raum größter kultureller Vielfalt auf kleinstem Gebiet. Zugleich war dieser Entwurf deutlich von der Erfahrung sowjetischer bzw. russischer Hegemonie bestimmt: Die Zugehörigkeit zum Westen wurde kulturell begründet, während Russland vor allem mit politischer und imperialer Macht assoziiert wurde. Das Seminar untersucht diese Konstruktion kritisch und fragt danach, welche historischen Erfahrungen, Ausschlüsse und nostalgischen Projektionen in ihr enthalten sind. Fragilität, Heimatlosigkeit, historische Brüche und die Erfahrung permanenter Gefährdung wurden von Kundera und Kiš als Quelle einer spezifisch mitteleuropäischen Sensibilität verstanden, die sie bereits bei Kafka, Musil oder Broch zu erkennen glaubten. Im zweiten Teil des Seminars verfolgen wir, wie dieser Mythos nach 1989 weitergeschrieben oder infrage gestellt wird. Im Mittelpunkt stehen dabei literarische und essayistische Texte aus Polen, Tschechien und der Ukraine, unter anderem von Andrzej Stasiuk und Juri Andruchowytsch. Gefragt wird, wie sich die imaginäre Geographie Mitteleuropas nach dem Ende des Staatssozialismus und der EU-Osterweiterung verschiebt.

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