Die Kunst des Ornaments_Dr. Julia Walter
Der Wunsch oder vielmehr der Trieb zur Verzierung ist uns Menschen angeboren. Seit unserer Frühgeschichte ornamentieren, dekorieren und schmücken wir die Dinge unseres Lebens, angefangen bei unseren Körpern und Kleidern, über Gebrauchsgegenstände und Behausungen, bis hin zu Gärten und ganzen Landschaften. Die Bedeutung, das Ziel des Ornamentierens kann jeweils ganz unterschiedlich ausfallen: Wir verzieren aus reiner Freude, im Zusammenhang mit Ritualen, zum Zweck der Abwehr, zur Kenntlichmachung von sozialen Klassen (Ist Ornament eigentlich demokratisch? Kann es das sein?), im Bereich der Werbung u.a. Das Ornament kommuniziert also wie eine Sprache und schreibt seinem Träger durch Formen, Muster, Motiviken bestimmte Eigenschaften zu, die dieser ohne das Ornament nicht hätte.
In diesem Seminar wollen wir das Ornament in seinen verschiedenen künstlerischen Ausprägungen betrachten, stilgeschichtliche Entwicklungen nachvollziehen und Vergleiche anstellen. Wir wollen über den historisch langen Einfluss des aus der antiken Rhetorik stammenden Prinzips des „decorum“ auf das künstlerische Ornament sprechen und fragen, warum diesem spätestens um 1900 eine endgültige Abfuhr erteilt wurde (z.B. mit Adolf Loosʼ Text „Ornament und Verbrechen“, 1908 verf.). Wichtig erscheint in diesem Zusammenhang das „richtige“ Verhältnis von Träger und Ornament zu sein: In manchen Zeiten galt dieses Verhältnis als unharmonisch, gar gestört, das hieß, das Ornament sollte besser in seiner „dienenden“ Funktion der Grundform untergeordnet bleiben oder gleich ganz wegfallen, sich jedoch nicht zur autonomen Kunstform erheben.
Wir wollen das Ornament zudem unter dem Aspekt der Wahrnehmung untersuchen, über Wirkungen von Formen sprechen und prüfen, ob bestimmte Muster universell, also seit Jahrhunderten weltweit immer wieder vorkommen. Und: Wie sieht es heute – im Zeitalter medialer Bilderfluten – mit dem Ornament aus?
Zu bearbeitende Themen werden in der ersten Sitzung am 12.10.26 vorgestellt und vergeben.
Literatur
Gombrich, Ernst H.: Ornament und Kunst, Schmucktrieb und Ordnungssinn in der Psychologie des dekorativen Schaffens, Stuttgart 1982 (engl. Originalausgabe: The Sense of Order, Oxford 1979)
Irmscher, Günter: Ornament in Europa 1450-2000, Köln 2005
Lein, Edgar: Seemanns Lexikon der Ornamente, Herkunft / Entwicklung / Bedeutung, Leipzig 2004
Meyer, Peter: Das Ornament, Zürich 1944