Interkulturalität II: Literarische Figuren des Fremden
Bereits in unserer Alltagssprache weisen die Substantive der / die / das Fremde eine Vielzahl verschiedener Bedeutungen, Verweisungskontexte und Beziehungsgefüge auf: „das Fremde als etwas Sächlich-objekthaftes oder Unbestimmt-transzendentes, z.B. das Heilige, das Böse, die Welt, das Tier, das andere Geschlecht, das Unheimliche, das Gespenst […], die Fremde als fernes Land […], der Fremde als Eingrenzung auf vorwiegend menschliche Gestalten, z.B. peregrinus, der von fern her ist oder sich in die Ferne begibt, und extraneus, der von außen kommt“, auch „Immigrant, Ausländer, Gast, Feind, Wilder“ (Wimmer 1997, 1067). Die mit dieser (hier nur in einer kleinen Auswahl präsentierten) Semantik verbundenen Ambivalenzen und Paradoxien sind auch für literarisch-poetische Inszenierungen und Repräsentationen von Figuren des Fremden charakteristisch. Dabei wird sich das Seminar auf menschliche Fremdgestalten konzentrieren und einen interkulturellen Streifzug durch die Literatur unternehmen: Mit ausgewählten Episoden aus Homers Epen (Odysee, Ilias) und der Medea-Tragödie des Euripides werden wir uns ebenso beschäftigen wie mit Dramen- und Prosa-Helden und -Heldinnen bei Defoe (Robinson Crusoe) und Goethe (Iphigenie), aber auch mit lyrischen Gestaltungen des Fremden bei Schiller und Hölderlin und nicht zuletzt mit Kamel Daouds Roman Der Fall Mersault – Eine Gegendarstellung (2017), der sich als kritische Replik auf Camus‘ Weltklassiker Der Fremde (1942) versteht. Unsere textnahen Lektüren sollen dabei auch immer von der Frage begleitet sein, ob diese Texte eine spezifische Poetik des Fremden implizieren. Die Textauswahl ist alles andere als in Stein gemeißelt, sprich: Vorschläge seitens der Seminarteilnehmer sind jederzeit willkommen.