WS 2026/27_Do. 11:10 S Sibirische Ökologien: Literatur, Kunst und Wissenschaft
In diesem Seminar diskutieren wir über Sibirien als einen Natur-, Kultur- und Wissensraum, in dem ökologische Fragen seit langem mit imperialer Expansion, Ressourcennutzung, wissenschaftlicher Erforschung und kultureller Imagination verbunden sind. Ausgangspunkt ist die Frage, wie Literatur, Kunst und Wissenschaft Vorstellungen von „sibirischer Natur“ hervorgebracht, geprägt und verändert haben. Sibirien erscheint dabei nicht nur als abgelegene Peripherie oder als vermeintlich unberührte Wildnis, sondern als ein Raum intensiver menschlicher Eingriffe: von kolonialer Erschließung und Zwangsarbeit über Industrialisierung, Bergbau, Öl- und Gasförderung bis hin zu gegenwärtigen Folgen des Klimawandels. Zugleich ist die Region Lebensraum vieler indigener Gemeinschaften, deren Verhältnis zu Landschaft, Tieren und natürlichen Ressourcen andere Wissensformen und Umweltvorstellungen sichtbar macht. Im Seminar untersuchen wir, wie solche unterschiedlichen Perspektiven in literarischen Texten, künstlerischen Projekten, Reiseberichten, wissenschaftlichen Diskursen und dokumentarischen Medien miteinander konkurrieren oder sich gegenseitig beeinflussen. Von besonderem Interesse sind dabei die Beziehungen zwischen Umweltgeschichte und imperialer Geschichte, zwischen ökologischer Gewalt und kulturellem Gedächtnis sowie zwischen lokaler Erfahrung und globalen Umweltdebatten. Welche Bilder von Taiga, Tundra, Permafrost, Flüssen oder Rohstofflandschaften entstehen in verschiedenen historischen Perioden? Wie verändern sich Vorstellungen von Fortschritt, Modernisierung und Beherrschung der Natur vom Russischen Reich über die Sowjetunion bis in die Gegenwart? Das Seminar verbindet Ansätze aus Literatur- und Kulturwissenschaft, Environmental Humanities, postkolonialer Forschung und Indigenous Studies. An ausgewählten Beispielen aus Literatur, Kunst und Wissenschaft fragen wir, wie ökologische Krisen erzählt, sichtbar gemacht und politisch gedeutet werden.