Erweiterte Lagerberechnung
Grundlagen
Die erweiterte Lebensdauerberechnung nach DIN ISO 281 kann mit Hilfe folgender Formel erfolgen: N=NC a (CF)p (1)
Dabei steht der Faktor a für das Produkt der Faktoren aus nomineller Zuverlässigkeit a1 und dem Schmier- und Sauberkeitszustand aISO. a=a1 aISO (2)
In der vereinfachten Berechnung wird meist die Lebensdauer eines Kugellagers bei nomineller Zuverlässigkeit (a1=1) und normalem Schmierzustand sowie normaler Sauberkeit (aISO=1) durchgeführt. Für diese Berechnungen dienen die Erklärungen in dem Artikel Einfache Lagerberechnung. Im diesem Artikel wird nun die Erlebenswahrscheinlichkeit (a1≠1), sowie der Schmier- und Sauberkeitszustand besonders betrachtet (aISO≠1), man spricht von der erweiterten Lagerberechnung.
Zuverlässigkeit
Die oben beschriebene Formel (1) berechnet die Lebensdauer des Lagers mit einer gewissen Ausfallwahrscheinlichkeit. Aufgrund von z.B. Fertigungs-, Montage- oder Betriebsschwankungen kann die Lebensdauer für ein Wälzlager nicht immer zu 100% berechnet werden. Daher wird die Lebensdauer immer in Zusammenhang mit einer Ausfallwahrscheinlichkeit bzw. Zuverlässigkeit angegeben.
Oft wird somit die nominelle Lebensdauer (a1=1) berechnet. Die dabei errechnete Lebensdauer erreicht ein Wälzlager mit 90%iger Wahrscheinlichkeit. Wenn eine andere Zuverlässigkeit gewünscht wird, muss der Faktor a1 entsprechend angepasst werden. Nach DIN ISO 281:2010-10, Tab. 12 S.29 sind diese wie folgt (2):
Sollen auch Zwischenwerte berücksichtigt werden, so können diese mittels Gleichung (3) approximiert werden. a1=√45,142−84,177R+39,038R2 (3)
Wird dahingegen die Zuverlässigkeit für eine bestimmte Lebensdauer gefordert, so kann mittels Gleichung (4) diese für ein bestimmtes a1 berechnet werden. R=1,078−√0,006+a2139,038 (4)
Abb. 1: Lebensdauerbeiwert (1)
Lebensdauerbeiwert
Der Lebensdauerbeiwert aISO berücksichtigt (3):
- die Belastung des Lagers
- den Schmierungszustand (Viskosität und Art des Schmierstoffs, Drehzahl, Lagergröße, Additive)
- die Umgebungsbedingungen (z.B. Temperatur)
- die Verunreinigung des Schmierstoffs
- die Ermüdungsgrenze des Werkstoffes
- die Bauart des Lagers
- die Eigenspannung des Werkstoffs
Für Radialkugellager kann der Lebensdauerbeiwert im gelben Heft auf der Seite R6 abgelesen werden (Abb.1). Dafür wird das Viskositätsverhältnis κ und der Sauberkeitszustand benötigt.
aISO=f(ecCuP,κ) (5)
Abb. 2: Betriebsviskosität (1)
Abb. 3: Bezugsviskosität (1)
Viskositätsverhältnis
Das Viskositätsverhältnis beschreibt das Verhältnis aus Betriebsviskosität ν zu Bezugsviskosität ν1:
κ=νν1 (6)
Die Betriebsviskosität ν beschreibt die Viskosität des verwendeten Öls bei der zu erwartenden Betriebstemperatur und kann im gelben Heft auf Seite R6 abgelesen werden (Abb. 2). Grundsätzlich gilt: Je höher die Betriebstemperatur, desto weniger zäh bzw. dünnflüssiger wird das Öl.
Die Bezugsviskosität ist die kinematische Viskosität des Öls, die erforderlich ist, um bei Betriebsbedingungen einen trennenden Schmierfilm zwischen der Laufbahn der Kugeln und der Kugeln selbst herzustellen. Die Bezugsviskosität kann im gelben Heft auf Seite R6 abgelesen werden (Abb. 3).
Für κ-Werte über 4 ist der Wert κ=4 einzusetzen. Für κ-Werte<0,1 ist die Berechnung des Beiwertes aISO derzeit nicht möglich.
Sauberkeitszustand
Der Sauberkeitszustand kann allgemein über den bezogenen Verunreinigungsbeiwert eCCuP[−] (7) als einheitslose Kennzahl beschrieben werden. Für praktische Betrachtungen ist aISO mit ≤50 zu begrenzen. In Gleichung (7) steht eC für den Verunreinigungsgrad, Cu [N] für Ermüdungsgrenzbelastung und P [N] für die dynamische äquivalente Belastung (oft auch als F bezeichnet).
Der Verunreinigungsgrad eC kann folgender Tabelle entnommen werden.
Für die Ermüdungsgrenzbelastung Cu gilt \begin{equation} C_u=\frac{C_0}{22}~~ ~~ ~~ ~~ ~~ ~~ ~~ ~~ ~~ ~~ ~~ ~~ ~~ (für D_{pw}\leq 100 mm) \end{equation} \begin{equation} C_u=\frac{C_0}{22} \left(\frac{100 mm}{D_{pw}}\right)^{0,5}~~ ~~ ~~ (für D_{pw}>100 mm) \end{equation}
Literatur
(1) INSTITUT FÜR MASCHINENELEMENTE, KONSTRUKTION UND FERTIGUNG. Arbeitsblattsammlung. Grundlagen der Konstruktion, Konstruktionslehre, 2018.
(2) DIN ISO 281
(3) SCHAEFFLER KG: Wälzlager. 2008, S. 40ff.
Beispielaufgabe
Es soll die nominelle Lebensdauer für das Radial-Rillenkugellager 6309 berechnet werden. Als Lagerkräfte sind folgende Größen bekannt:
Fx=3000N; Fy=5500N; Fz=1700N (Axialkraft)
Das Lager wird mit dem Öl ISO-VG 68, bei einer Betriebstemperatur von 70°C und seiner Bezugsdrehzahl betrieben. Durch den Einsatz in wechselnden Umgebungsbedingungen ohne fest eingebaute Dichtungen muss mit starken Verunreinigungen im Schmierstoff gerechnet werden.
Mit welcher Wahrscheinlichkeit erreicht dieses Lager unter den gegebenen Bedingungen eine Lebensdauer von 5.000h?
Lösung
Das Lager 6309 besitzt folgende Tragzahlen (Achtung: ggf. können in neueren/zukünftigen Lagerkatalogen diese etwas abweichend sein): \begin{equation} C=53kN \end{equation} \begin{equation} C_0=31,5kN \end{equation}
Der Innendurchmesser beträgt d=45mm, der Außendurchmesser=100mm und die Bezugsdrehzahl nB=8300 1/min.
Um die erweiteret Lebensdauer zu berechnen, wird die Gleichung (1) verwendet \begin{equation} N=N_C~a~\left(\frac{C}{F}\right)^p \end{equation} Für die nominelle Lebensdauer (a1=1) ist die Bestimmung der Lagerkraft F und des Schmierstoffzustandes aISO notwendig.
Lagerkraft F
\begin{equation} \frac{F_a}{C_0}=\frac{1700N}{31500N}=0,054 \end{equation} Damit kann im gelben Hef tauf Seite R5 e=0,255 bestimmt werden \begin{equation} \frac{F_a}{F_r}=\frac{1700N}{\sqrt{(3000N)^2+(5500N)^2}}=\frac{1700N}{6265N}=0,271 \end{equation} Da \begin{equation} \frac{F_a}{F_r}=0,271>e=0,255 \end{equation} ist, folgt y=1,57 (gelbes Heft R5) und daraus \begin{equation} F=XF_r+YF_a=0,56\cdot6265N+1,57\cdot1700N=6177N \end{equation}
Kontrolle, ob Lebensdauerformel gültig ist: \begin{equation} \frac{C}{F}=\frac{53kN}{6,177kN}=8,58 \end{equation} \begin{equation} 14>8,58>4 \end{equation}
Die Lebensdauerformel kann somit angewendet werden.
Schmierstoffzustandes aISO
Der mitlere Lagerdurchmesser wird im Folgenden benötigt \begin{equation} D_{pw}=\frac{d+D}{2}=\frac{45mm+100mm}{2}=72,5mm \end{equation}
Damit kann die kinematische Bezugsviskosität aus dem entsprechenden Diagramm auf Seite R6 abgelesen werden. \begin{equation} \nu_1=6mm^2/s \end{equation}
Die Betriebsviskosität kann für das Öl ISO VG 68 bei 70°C mit 20 mm²/s abgelesen werden (gelbes Heft R6).
Anschließend wird das Viskositätsverhältnis berechnet \begin{equation} \kappa=\frac{\nu}{\nu_1}=\frac{20mm^2/s}{6mm^2/s}=3,33 \end{equation}
Da Dpw ≤ 100mm ist, kann die Ermüdungsgrenzbelastung Cu folgendermaßen bestimmt werden: \begin{equation} C_u=\frac{C_0}{22}=\frac{31500N}{22}=1431,8N \end{equation}
Für den bezogenen Verunreinigungsgrad wird nun die Verunreinigungsgrad bei starken Verunreinigungen mit einem mittleren Wert von 0,2 abgeschätzt. \begin{equation} e_c \cdot \frac{C_u}{P}= e_c \cdot \frac{C_u}{F}=0,2 \cdot \frac{1431,8N}{6177N}=0,58 \end{equation}
Anschließend kann im Diagramm auf Seite R6 der Lebensdauerbeiwert mit rund aISO=3 abgelesen werden.
Nominelle Lebensdauer
Nun wird die Anzahl der Umdrehungen berechnet \begin{equation} N=N_C~a~\left(\frac{C}{F}\right)^p=N_C~a_1~a_{ISO}~\left(\frac{C}{F}\right)^p=10^6 \cdot 1 \cdot 3 \cdot \left(\frac{53kN}{6,177kN}\right)^3=1895 \cdot 10^6 \end{equation} Und abschließend die Umrechnung auf die Betriebsstunden \begin{equation} t_{Ln}=\frac{N}{n}=\frac{1895 \cdot 10^6}{8300~1/min}=3805h \end{equation}
Zuverlässigkeit für 5.000 Betriebsstunden
Für die Berechnung der Zuverlässigkeit bei 5.000 Betriebsstunden wird zunächst a1 berechnet
\begin{equation} a_1=\frac{t_L}{t_{Ln}}=\frac{5000h}{3805h}=1,3141 \end{equation}
\begin{equation} R=1,078-\sqrt{0,006+\frac{a_1^2}{39,038}}=1,078-\sqrt{0,006+\frac{1,3141^2}{39,038}}=0,854=85,4\% \end{equation}
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